Meine 1. Motorradtour im Leben

Hier möchte ich von einer von meiner ersten eigenen Motorradtour erzählen, die mein Leben als Biker nachhaltig geprägt hat.

Der Beginn meiner Leidenschaft

Es begann alles an einem sonnigen Samstagnachmittag, es war 1975 und Sommer. Ich damals war noch keine 16 Jahre, da kaufte sich mein etwas älterer Kumpel aus der Nachbarschaft eine Zündapp KS Supersport im einzigen Zweiradladen unserer Stadt. Da gab es Mofas, Fahrräder, Rasenmäher, Roller und Zweiräder der Marken Kreidler, Zündapp und Herkules.

Ein Hinweis zu Zündapp, wer die Firma nicht kennt:
Die Zünder-Apparatebau-Gesellschaft m.b.H. war damals mal einer der großen deutschen Motorradhersteller in der Zeit von 1921 bis 1984.

Als ich jedenfalls dieses kleine Motorrad sah, war ich direkt fasziniert von Motorrädern. Mofas oder Roller möchte ich noch nie! Wenig später durfte ich mit ihm hinten auf seiner neuen Zündapp mitfahren.

Wir sind dann gut 25 km weit gefahren. Diese Kombination aus Geschwindigkeit, Technik und Freiheit hatte etwas Magisches an sich. Hat richtig Laune gemacht. Davor bin ich nur mit dem Fahrrad unterwegs gewesen. Doch an diesem Samstag entschied ich mich, endlich den nächsten Schritt zu wagen: Ich wollte auch ein eigenes Motorrad besitzen!

Wenige Monate später wurde ich 16 Jahre und besuchte sofort die örtliche Fahrschule. Nach bestandener Prüfung der Führerscheinklasse 4 kaufte ich mein erstes Motorrad; ebenfalls eine gebrauchte Zündapp KS50. Es war eine glänzende schwarze Maschine, die bereits einige Kilometer auf dem Tacho hatte (Baujahr 1968). Entsprechende Gebrauchsspuren waren im Kaufpreis mit drin.
Mein Vater war wenig begeistert, wofür ich meine wenigen Ersparnisse und das ganze Konfirmationsgeld investiert habe. Für fürstliche 860 DM übernahm ich das Moped. Damals war ich im 2. Lehrjahr und meistens chronisch blank. Die Kaufsumme habe ich über die zwei Jahre mehr oder weniger angespart.

Nach der Anmeldung kam der erste Schock; es war die unverschämt hohe Versicherungsgebühr. Hoch darum, weil sich offensichtlich viele Fahranfänger mit dieser Gruppe von Zweirädern regelmäßig auf die Nase gelegt haben. Und Unfallschäden kosten halt eine Menge Geld. Mit einer so hohen Prämie hatte ich jedenfalls nicht gerechnet (jugendlicher Leichtsinn bzw. Unwissenheit). Steuern wurden in dieser Hubraumklasse nicht fällig.

Mit dem Kauf meiner ersten Möhre – der alten Zündapp – begann also alles. Und es hält bis heute an 🙂

Die Planung der großen Tour

Motorradführerschein machen ist das eine; Fahrpraxis erlangen was ganz anderes. Ich habe lange gebraucht, um das richtige Kuppeln bzw. das Schalten in den Griff zu bekommen. Abwürgen an Ampeln war am Anfang oft an der Tagesordnung. Bin jeden Tag 30 km zur Arbeit nach Bielefeld gefahren, also genug Zeit zum Trainieren.
Nachdem ich einige Zeit damit verbracht hatte, mein Motorrad zu beherrschen und kleine Ausfahrten zu machen, spürte ich, dass ich bereit war für eine längere Tour war.

Eine echte Motorradtour sollte es sein, nicht immer nur 30 km hin zur Arbeit und zurück. Also begann ich, meinen “großen” Trip zu planen. Das Sauerland kannte ich bereits etwas von den Sonntagsausflügen im VW-Käfer mit meinen Eltern. Hatte mir damals schon gefallen, etwas höhere Berge

Die Route sollte mich ins nördliche Sauerland führen, durch malerische Landschaften und so manche kurvenreiche Bergstraße im Arnsberger Wald. Kannte ich schon von den Ausflügen mit meinen Eltern, wo wir wie in einer Konservendose im alten VW Käfer saßen. Die Vorfreude wuchs mit jedem Tag; die Angst vor schlechtem Wetter natürlich auch.

Die erste Etappe: Der Tourstart

Der Tag der Abfahrt kam schneller als erwartet. Früh am Samstagmorgen um kurz nach 7 Uhr schnappte ich mir meine Motorradkleidung, überprüfte noch einmal alles und setzte mich auf meine Zündapp. Den Kickstarter mehrmals durchgetreten, bis der Eisenesel endlich mal ansprang. Das war bei der Zündapp echt immer ein Problem.

Der Motor röhrte auf, und das vertraute Knattern erfüllte mich mit einem Gefühl von Aufregung und Erwartung. Die ersten Kilometer waren geprägt von einer Mischung aus Nervosität und Euphorie. Und es ging am Anfang Richtung Sauerland immer nur geradeaus. Doch schon bald fand ich meinen Rhythmus und ließ mich von der Straße leiten. Total cooles Gefühl!

Unvergessliche Momente unterwegs

Es gibt so viele erstaunliche Erinnerungen, die ich von dieser Tour ins Sauerland mitgenommen habe. Eine der schönsten war der Moment, als ich nach einer langen Fahrt durch kurvige Bergstraßen endlich oben ankam und vor mir ein atemberaubender Ausblick lag. Die Berge erstreckten sich endlos, und der Himmel war strahlend blau. Solche Momente sind es, die das Biker-Dasein so besonders machen. Nichts mit Waldsterben oder kahlen Berggipfeln wie man sie heute auch im Sauerland oder Harz findet.

Ein anderes kleines Erlebnis war die Rast in einem kleinen Dorf. Dort musste ich tanken (Benzingemisch). Hier schien die Zeit irgendwie stehengeblieben zu sein. Überall alte Trecker und Landwirtschaftsmaschinen direkt an der Straße, ein stinkender Misthaufen nach dem anderen am Straßenrand, fette Hühner auf der Straße, freilaufende Hunde und oft alte Leute vorm Haus sitzend. Nur alte Sauerländer Fachwerkhäuser, sonst nix. Und natürlich einen Mini-Schützplatz. Ich dachte, solche Dörfer gäbe es Mitte der Siebziger Jahre des letzten Jahrhundert überhaupt nicht mehr. Aber im Sauerland war das immer noch normal.

Ein tolle Erfahrung war die Begegnung mit vier anderen Bikern, die ich auf meiner ersten Motorradtour traf. An einem Rastplatz am Möhnesee kam ich ins Gespräch mit einer Gruppe von Gleichgesinnten, die ebenfalls auf Tour waren. Die hatten alle fette Maschinen und wohl 3 mal schneller unterwegs als ich mit meiner schlappen Zündapp. Einer von denen fuhr so eine Rennmaschine, ich glaube so eine Laverda. Kannte ich damals nur aus der Motorradzeitung.

Sofort entstand eine Verbindung, die über Worte hinausging. Unter Bikern ist das fast immer so. Man teilt sich Geschichten, scherzt über die kleinen Pannen, die jeder von uns Mopedfahrern erlebt hatte.

Dieser Zusammenhalt spiegelte das wahre Wesen des Biker-Daseins wider: Freiheit und Gemeinschaft auf zwei Rädern. Es war ein Moment, der mir erneut bewusst machte, dass jede Fahrt auch ein kleines Stück des Lebens ist. Und das ist praktisch bei mir bis heute so geblieben.

Rückkehr nach Hause und das Gefühl der Erfüllung

Nach vielen Kilometern und bis dahin gutem Wetter gab es keine 20 km von meinem Elternhaus in Gütersloh entfernt eine fette Dusche von oben. Ich dachte, der Regengott hätte nochmal ein einsehen mit mir, aber nix da. Regenklamotten? So was gab es für mich damals noch nicht. Da stellte man sich einfach unterwegs an einer Tanke oder Bushaltestelle unter. Bei mir kam aber weder Brücke, Tankstelle oder Bushaltestelle auf dem Weg nach Hause. Die einzige Stelle war eine gelbe Telefonzelle von der damaligen Post, aber die war wegen Beschädigung abgeschlossen. Da das Wasser nun bereits in meinen Stiefeln stand, war es eh egal.

Die letzten Kilometer der Heimfahrt fühlten sich fast surreal an, als ich darüber nachdachte, wie viel ich erlebt und erfahren hatte. Aber so einen Scheiss-Regen hatte ich echt nicht verdient. Zuhause eingetroffen, konnte ich mich im Vorflur bis auf die Unterhose ausziehen. Alles komplett durchnässt. Ich kann mich noch daran erinnern, dass das meine Mutter von den Wasserpfützen im Flur nicht begeistert hat. Anschließend vom Waschkeller nach oben und in die warme Dusche. In der Küche noch was gegessen und dann ab ins Bett.

Die erste Tour ins Sauerland war knapp 200 km lang und hat mich körperlich ganz schön geschlaucht.

Geblieben ist die Erinnerung an eine (fast) schöne Motorradtour ins Sauerland. Es war nicht nur eine Reise über Landstraßen und durch Landschaften, sondern eine Reise zu mir selbst. Das Motorradfahren hat mir gezeigt, was es heißt, wirklich frei zu sein und das Leben zu genießen. Mit damals 16 Jahren war das eine Erfahrung, die für mich schon echt wichtig war. Endlich weg vom Elternhaus (na ja, so halb wegs) und sein eigenes Ding machen können.

Motorradfahren als Lebensphilosophie

Das Motorradfahren ist für mich mehr als nur ein Hobby. Es ist eine Leidenschaft, eine Möglichkeit, dem Alltag zu entfliehen, und eine Gelegenheit, die Welt aus einer anderen Perspektive zu sehen. Wenn du auch das Biker-Dasein liebst oder darüber nachdenkst, damit zu beginnen, kann ich dir nur raten: Zögere nicht, mach das einfach! Jede Tour, jede Strecke und jeder Kilometer sind es wert.

Die Erkenntnis, dass jede Fahrt einzigartig ist, wuchs in mir. Jede Strecke erzählt ihre eigene Geschichte, jeder Kilometer bringt neue Erfahrungen mit sich. Ich begann, mich mit anderen Bikern zu treffen. Diese Gemeinschaft von Gleichgesinnten bereitete mir Freude und bestärkte mich in meiner Leidenschaft. Nach und nach wechselten die Maschinen und wurde zusammen älter.

Wir planten gemeinsame Touren, organisierten Treffen und entdeckten abgelegene Landschaften in unserer Region, die es zu erkunden galt. Diese neuen Erfahrungen führten dazu, dass ich nicht nur das Motorradfahren schätzte, sondern auch die Freundschaften, die ich dabei schloss. Damals war das Motorrad nur ein Fortbewegungsmittel für Otto Eisenbieger und Leute, die sich (noch) kein Auto leisten konnten. War bei mir als Lehrling ja genau so. Heute ist es überwiegend eine Form der Freizeitgestaltung geworden. Wie sich die Zeiten doch ändern…

Was geblieben ist…

Als Biker ist man ja Teil einer großen Familie von Gleichgesinnten. Sieht man auch deutlich daran, wieviele Biker sich unterwegs begrüßen. Es war damals nicht nur das Erlebnis auf zwei Rädern, das mich fesselte, sondern auch das Wissen, dass viele Menschen – Männer wie Frauen aller Altersgruppen – ähnliche Leidenschaften teilten. Die Gespräche über die besten Strecken und die schönsten Aussichtspunkte wurden tiefgründiger; wir tauschten Tipps aus und unterstützten uns gegenseitig bei unseren Vorhaben.

Der eine oder andere Schraubertipp von erfahrenen Kollegen im Motorradclub hat mir auch geholfen. Die gemeinsamen Motorradtouren mit anderen Bikern schufen im Verlauf vieler Jahrzehnte einen starken Zusammenhalt und eröffnete mir neue Perspektiven auf das Motorradfahren selbst. Mein ältester Motorradkumpel ist übrigens mit Stand 2024 inzwischen stolze 84 Jahre alt und fährt noch selbst Motorrad. Anstatt wie andere im Altenheim vor sich hin dümpeln (oder unter der Erde liegend), lebt er noch ganz aktiv seinen Traum.

Viele meiner älteren Motorradkumpels sind inzwischen entweder verstorben oder haben das Mopedfahren komplett aufgegeben (eher zwangsläufig und auf Druck der Familie). Eines jedes Ding hat seine Zeit; aber wenn es körperlich einfach nicht mehr geht, sollte Feierabend sein. Ich kann mich noch gut an meinen „kleinen Hans“ erinnern, der mit 72 wieder auf seine neu gekaufte blaue Honda CBF 500 gestiegen ist und einen Neustart begann. Vorher hat er Jahrzehnte nur BMW gefahren. Nach vier Unfällen in 2 Jahren war dann auch endgültig Schluß mit dem Motorrad, er hatte einfach seinen Gleichgewichtssinn verloren.

Mein persönliches Fazit: Habe alles richtig gemacht 🙂