Motorradreise nach Frankreich
Nachfolgenden Text hab ich beim Aufräumen meiner Festplatte gefunden. Hatte ich meiner damaligen Freundin aus Frankreich geschickt. Ist nun fast 20 Jahre her. Diese Horrortour hat sich fest bei mir eingebrannt!
Liebe XXXXXX,
ich wollte Dir ja am Telefon nicht alles erzählen. Das wäre zu lange geworden. Hier also der Rest.
Bin um 2.45 Uhr aufgestanden und hab erst noch die Küche so halbwegs in Ordnung gebracht. Und ruckzuck war es wieder eine Stunde später. Dann vergingen nochmal 20 Minuten, bis die Koffer am Moped waren und ich endlich den Regenkombi über hatte. Bekam kaum Luft dabei und war schon voll am Schwitzen. Dann aufs Moped und los. Nach 1 km Strecke merkte ich schon, dass der Rucksack tierisch im Kreuz drückte. Das wurde dann auf der Autobahn so heftig, dass ich anhalten musste. So ging es also schon mal nicht weiter.
Habe ihn dann zwischen Nummernschild und Sissybar festgebunden; was für eine Wohltat. Der nächste Ärger ließ nicht lange auf sich warten; es begann erst langsam und denn heftig an zu regnen. Und das im morgendlichen Berufsverkehrs des Ruhrgebiets. Zum Glück hatte ich vorher gleich schon den Regenkombi angezogen.
Um 8 Uhr war ich in Aachen an der Grenze zu Belgien – 4 Stunden bis dahin! Ok, ab Belgien dann freier Himmel, aber leider weniger freie Autobahnen. Die Bahnen sind eine echte Katastrophe!! Teilweise Riesenlöcher in den Fahrbahndecken, Langsrillen, eine olle Baustelle nach der anderen. Der zweite Tankstopp kurz vor Frankreich gab ein erfreuliches Bild: Sprit um 8 Cent niedriger als bei uns in NRW.
Am Anfang in Frankreich schon heftiger Seitenwind, trotz Sonne. Der Seitenwind wurde zu bösen Sturmböen. Das wurde mir dann zum Verhängnis. Mein Visier war nicht ganz geschlossen; vielleicht noch 3 cm unten offen. Der Wind griff unters Visier und riss es mit einem Riesenruck und Getöse vom Helm. Und weg war es! Ich dachte nur, watt iss denn hier kaputt??
Nach dem Schreck ging es nach kurzer Pause und einem der zahlreichen Wachmacher aus dem Koffer mit herruntergelassenem Sonnenvisier heiter weiter im Land der Franzmänner. Die Autobahnen sind wirklich gut, nicht soviel Verkehr und mit 130 km/h Limit echt gemütliches Fahren. Am Anfang war das ohne Visier noch halbwegs erträglich. Sollte sich aber noch ändern.
Gegen 12.30 Uhr war ich dann im Norden von Paris; hier war die Verkehrssituation dramatisch. Verkehr aller Nationen, LKWs, Busse, Wohnwagen, Formel-1-Piloten und Rentnergangs mit viel Gepäck…
Und dann dazwischen die Motorradfahrer; eigentlich mehr Rollerfahrer!! Links blinken; rechts täuschen und dann durch die Mitte jagen. Super Taktik. In Deutschland wäre den Autofahrern das Herz stehengeblieben. Mit welchem Affenzahn die das machten! Jeder ausländische Autofahrer hielt wohl gleich das Lenkrad fest, wenn der helle Punkt im Rückspiegel anrauschte. Aber das schien bei denen offensichtlich ganz gut zu funktionieren. Der zweite Biker, der mich auf der Autobahn in Paris überholte, trat plötzlich mit dem rechten Bein nach mir. Ich dachte bloß, was will der Typ von mir. Als dann die nächsten Motorradfahrer auch nach mir traten, war es klar: So sieht in Frankreich der Bikergruss aus…
Weil die Masche mit dem Überholen so gut funktionierte, hab ich es auch so gemacht. Asche über mein Haupt…
Paris war jedenfalls in 20 Minuten erledigt; sonst hab ich mich hier damals mit dem Auto immer mächtig verfahren. Na ja, dann hinter Paris wieder auf der Autobahn getankt, nun aber leider zu bekannten Preisen.
Zwischen Paris und Poitiers kamen mir in einer Linkskurve plötzlich Teile und Fetzen von einem zerlegten LKW auf der Fahrbahn entgegen. Der war vorher unter einer Brücke hergefahren und die Ladung mit Dämm- und Baumaterial ist komplett hängengeblieben. Der Fahrer stand etwas ratlos am Autobahnrand. Nichts abgesichert oder so.
Gegen Nachmittag musste ich einen Zahn zulegen, weil ich Abends noch die Fähre in Royan bekommen wollte. Und das letzte Stück zog sich elendig lang hin. Noch 450 km, dann bis zur Abfahrt nur noch 100 km und denn die Abfahrt. Endlich geschafft. Und dann so ein bescheuertes Schild mit der Aufschrift „Royan, 97 km“. Oh Mann, Landstraße und Baustellen ohne Ende. Fertig, angenervt und mächtig kaputt kam ich dann am Hafen an.
Und was war? Richtig, die haben die Verkehrszeiten just einen Tag vorher von Sommerzeit auf Winterzeit geändert. Alles verriegelt und verrammelt, nix mit Fähre über die Gironde. Ich hätte mich vor lauter Wut in den Hintern beißen können. Der Hafen war nun gegen 19.00 Uhr wie ausgestorben. Ok, übernachten wollte ich nicht, also wieder auf die Bahn Richtung Bordeaux und unten herum in die Region Medoc fahren. Es wurde dunkel, tierisch kalt und das Motorradfahren machte schon lange keinen Bock mehr.
In Bordeaux bin ich gegen 21.00 Uhr eingetrudelt. Und hab mich wieder mächtig verfahren. In der Innenstadt keine Tankstelle gefunden. Wieder auf die Autobahn zurück und getankt. Ehrlich, die Franzosen machen Abends ab 21.00 Uhr die meisten Tankstellen in der Pampa zu. Nach dem Tanken sehe ich das erste Mal auf den Tachostand. Mich trifft der Schlag. Bis jetzt schon 1.400 km vergurgt. Jetzt merke ich auch, warum ich so erschlagen bin.
Ich verfahre mich ein zweites und drittes Mal in Bordeaux, lande zum Schluss im Hafen und beschließe dann, über die Stadtautobahn Bordeaux komplett zu umfahren. Als auf der A63 das Schild Arcachon kommt merke ich, dass das wohl ein bisschen zu weit war. Also runter von der Bahn, Richtung Atlantikküste weiter nordwärts durch die Dörfer gemogelt. Jetzt wurde es richtig tierisch kalt und Bodennebel setzt ein. Fürs Übernachten war es jetzt definitiv zu spät; es ist weit nach Mitternacht. Und das wird immer kälter, je weiter ich nach Norden fahre. Mein verlorenes Visier vermisste ich immer mehr!
Im Nebel verliere ich die Orientierung, finde weder Straßenschilder, noch Dörfer oder sonstige Lichter. Links und rechts nur Schatten von Büschen, die im Nebel im Scheinwerferlicht auftauchen und wieder verschwinden. Unterwegs nur noch Karnickel und helle fette Motten, die mir ins Gesicht klatschen. Dann tauchte unerwartet eine gelbe Straßenlaterne auf; endlich eine Wegkreuzung. Aber wieder kein Schild. Ich fahre weiter. Und was war es? Genau, das hab ich noch gebraucht: Nach 15 km geradeaus lande ich vor einem verschlossen Schlagbaum; militärisches Sperrgebiet. Keine Ahnung wo ich hier gelandet bin.
Ok, wieder zurück und mich im nächstgrößeren Ort neu orientiert. Dann kam ein Stadt, die ich noch von früher kannte – jedenfalls vom Namen her.. Es war Lesparre-Médoc. Wenn Du mal auf eine Frankreichkarte siehst, hab ich echt jeden Ort links und rechts der Atlantikküste mindestens einmal in dieser Nacht durchquert. Scheiß Nebel, schitt Kälte.
Als ich dann endlich den Zielort gefunden hatte, ging der Tanz erst richtig los. 3 bis 5 Meter weit konnte man sehen, mehr nicht. An manchen Stellen hab ich nicht einmal den Graben neben der Straße gesehen. Nebel, Nebel und nochmals Nebel. Ich hab dann noch ungefähr weitere 3 Stunden auf dem Motorrad gesessen und bin durch endlose Pinienwälder und Maisfelder gegurkt. Echt, man konnte nicht einmal mehr ein einziges Licht von irgend etwas sehen, nur Motten, Motten und nochmals Motten.
Dann plötzlich lichtet sich der Nebel und rechts wie links tauchen Gebäude auf, ein Fahnenmast und so ein langgezogener Kreisverkehr. Weniger Meter weiter wäre ich im Strandsand gestrandet….
Siehe Foto:
https://www.google.de/maps/place/Bordeaux,+Frankreich/@45.3781606,-1.1586612,89m/data=!3m1!1e3!4m6!3m5!1s0xd5527e8f751ca81:0x796386037b397a89!8m2!3d44.8416106!4d-0.5810938!16zL20vMDFiODU?entry=ttu&g_ep=EgoyMDI0MTAxNS4wIKXMDSoASAFQAw%3D%3D
Jo, den Ort kannte ich nun wirklich. Montalivet, also konkret Vendays-Montalivet. Hier haben wir früher immer geparkt und Eis gegessen. Es war jetzt gegen 6.00 Uhr und immer noch stockfinster und schweinekalt. Meine beiden billigen Tschibo-Handwärmer leisteten jetzt gute Dienste. Am Strandklo auf der Bank wie ein Penner kurz versucht die Augen zuzumachen; ging aber wegen der Kälte nicht. Gefühlt war es 1 bis 4 Grad, maximal.
15 Minuten später wieder aufs Motorrad und am Motor die Hände gewärmt. Die alten Reusch-Winterhandschuhe haben sich echt gut bewährt. Was hätte ich jetzt für ein warmes Getränk gegeben! Nochmals den Ort meiner Bekannten gesucht und wirklich jeden noch so kleinen Weg abgefahren. Nichts gefunden! Aber es musste hier sein!!!
Irgendwann stehe ich vor einem Haus, was es sein musste. Die Kreuzung kann ich ja von den Bildern. Das Auto vorm Haus passte auch. Kurze Zeit später geht das Licht an und die Leute kommen raus gerannt. Die Frau im Bademantel, ein kläffender Jagdhund und der Mann mit einer Flinte in der Hand. War natürlich das falsche Haus. Komplett entnervt, ausgekühlt und hungrig beschließe ich zurück in den Ort Vendays zu fahren und eine Telefonzelle zu suchen. Alles Kinderkacke; in ganz Frankreich gibt es nur noch so Kartentelefone! Und mein Handy tut es nicht mit dem automatisch gewählten Netz! Also nix mit telefonieren.
Ich nehme einen neuen Anlauf und lande wieder bei der Kreuzung, wo ich schon vor Stunden war. Es ist jetzt 8.00 Uhr und etwas heller. Wegen dem Nebel ist die Sicht immer noch extrem schlecht. Und was muss ich erkennen: Das Haus von meinen Bekannten steht spiegelverkehrt genau auf der anderen Straßenseite von dem Polizisten, wo ich schon um 6 Uhr war. Die Büsche, die ich vor vielen Jahren selber mit gepflanzt habe, sind von 50cm auf über 3 Meter Höhe angewachsen. Die kleinen Walnussbäume von damals sind zu wahren Riesen mutiert. Die gesamte Botanik hat sich komplett verändert.
Jetzt steht auch das richtige Auto mit deutschem Nummernschild auf dem Hof. Hier sehen fast alle Häuser gleich aus und jeder fährt Renault. Der Nachbar hatte sogar das gleiche Renault-Modell und die gleiche Farbe!!! Nach 28 Stunden! – auch für mich eine stramme Leistung – steige (oder vielmehr falle) ich aus dem Sattel. Leck mich am Arsch, so eine verflixte Affenscheisse!
Kein Gefühl mehr in den Fingern, Rückenschmerzen wie damals vor 40 Jahren als Schlosserlehring, der Arsch nicht mehr vorhanden und die Blase zum Anschlag gefüllt. Da merkst Du echt nichts mehr. Als ich bei meinen Bekannten auf dem Klo war, hab ich nicht einmal mehr das Pinkeln gemerkt. Nach einem Kaffee und frischem Baguette für drei Stunden erst mal aufs Ohr gehauen. Seit gestern steht die Suzuki hinterm Haus. Echt, da habe ich zur Zeit Null Bock drauf. Nicht mal anschauen will ich mein Motorrad noch, so tief sitzt der Stachel.
Am 4. Tag habe ich sie mal von der Masse der toten Motten und Mücken befreit. Kein Vergleich mit den paar toten Fliegen/Mücken/Motten auf deutschen Straßen.
Nachwirkungen und persönliche Konsequenz aus der anstrengenden Anreise:
Meine Augen brennen wegen dem abgerissenen Visier jetzt tierisch und ich habe in meinem rechten Daumen bis zum Handgelenk hoch kein Gefühl mehr. Ist auch noch 2 Tage später so. War wohl etwas viel, solange auf dem Moped unterwegs. Hab ich komplett falsch eingeschätzt. Auf dem Zähler steht jetzt irgendwas mit 1700 km, 6 mal habe ich getankt. Das war wirklich mit Abstand das Härteste, was ich mir jemals an körperlicher Anstrengung auf einem Motorrad zugemutet habe.
Als zweite Lehre aus der „blinden Fahrt“ werde ich keine Touren mehr Nachts machen. Bei längeren Touren wird zukünftig übernachtet. Erstens bin ich nicht auf der Flucht und zweitens wird man nicht jünger. Das habe ich deutlich unterschätzt!
PS: Zum aktuellen Klima hier:
Nachts teilweise bis 0 Grad; tagsüber bis 35 Grad; total extreme Temperaturunterschiede im Spätherbst.
Bevor ich wieder nach Deutschland abreise, muss ich in Vendays oder besser gleich in Bordeaux in einem Motorradshop einen neuen Motorradhelm kaufen. Nochmals ohne Visier so eine lange Strecke bis Deutschland über die Autobahn packe ich ohne Augenschaden nicht mehr.
Viele Grüße
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Nachtrag nach gut 20 Jahren
Damals habe ich gedacht, na ja so eine Tour nach Frankreich mit dem Motorrad in einem Rutsch kann ja nicht so schwer sein. War ja schon x-Mal mit dem Auto da. Wenn der Umweg über Bordeaux nicht gewesen wäre, hätte die Rechnung halbwegs aufgehen können; ist sie aber nicht. Auf der anderen Seite von Royan hätte ich vielleicht noch 20 Minuten Klüngelfahrt bis zum Ziel gehabt.
Bei meiner Ankunft in Royan am Hafen war meine körperliche Power eigentlich schon komplett weg.
Heute würde ich immer übernachten, ein geladenes Handy dabei haben und ein funktionierendes Navi. Zusätzlich eine stinknormale Landkarte, falls alle Stricke einmal reißen sollten. Das sind die Lehren, die ich aus dieser Horrortour nach Frankreich gezogen habe.
Würde ich mit meiner neuen Royal Enfield Classic 350 eine lange Tour machen, wären das Maximum 700 bis 800 km am Tag, aber nur wenn es über die Autobahn gehen würde. Bei reiner Landstraße schätze ich meine Fahrleistung bei unter 500 km ein (und das ist schon echt sportlich).