Anfahrt nach Spandau
Mitte Juli 2024 habe ich in Berlin-Spandau meine gebrauchte RE abgeholt. Morgens gegen 9 Uhr in Ostwestfalen auf die Autobahn und gemütlich mit Pkw zu zweit Richtung Potsdam/Berlin. Auf der A10 wieder die üblichen Baustellen. Gegen 15 Uhr war der Kauf und die Übergabe in Spandau abgeschlossen. Das (umfangreiche) Zubehör ins Auto verstaut, ich mich umgezogen und dann Start Richtung Hotel in Berlin. Bereits nach 15 Minuten der erste Stau Richtung Berliner Innenstadt; es folgten Baustellen ohne Ende…
Die Baustellentour
Die Rückfahrt von Spandau in unser gebuchtes Hotel in Berlin-Lichtenberg mutierte zur Vollkatastrophe! Wir haben quer durch die Stadt über 2 Stunden gebraucht. Eben typisch Feierabend; Stop-and-Go in Kombination mit einer elendigen Berliner Baustelle nach der anderen. Dabei ist die Royal Enfield 350 – von der Öltemperatur her – bis zum Anschlag gestiegen. Klar, ohne Fahrtwind keine Kühlung.
Erster Fahreindruck der Royal Enfield 350 classic war wie erwartet. Die knapp 200 kg Leergewicht lassen sich wirklich bequem rangieren. Bedingt durch den Schleichmodus in der Berliner Innenstadt konnte ich die Höchstgeschwindigkeit natürlich noch nicht ausprobieren. Da ging es nämlich mit 5 bis 30 km/h durch den schrecklichsten Berufsverkehr bei glühender Sonne. An einer Baustelle in Berlin konnte ich mir 50 Minuten lang die olle Ampel am Horizont ansehen, aber es kamen höchstens 3-4 Autos in einer Ampelphase rüber. Chaos pur!!
Einen Tag Pause in Berlin
Abends dann das Motorrad auf dem Hotelgelände eingeschlossen. Parken in der Tiefgarage war technisch bedingt leider nicht möglich. Im Hotel war ein Parksystem nach dem Paternoster-Prinzip. Das funktionierte nur mit Autos. Stand so leider nicht auf der Hotelwebsite. Abends dann einen Regenguss vom Feinsten!
Der nächste Tag war verdiente Pause, da wir noch andere Dinge in Berlin zu erledigen hatten. Die folgende Nacht hab ich sehr unruhig geschlafen. Auf keinen Fall wollte ich im Regen die Royal Enfield nach Hause fahren. Das wäre echt bitter gewesen. Und am Himmel sah es wirklich nicht gerade toll aus. Der Wetterbericht am Vorabend sprach von vielleicht etwas Regen, aber dann kam es doch zum Glück anders 🙂

Bestes Wetter für die Fahrt zurück! Ich kann es nach dem Monsterregen vom Vorabend gar nicht glauben!!




Tourenplanung umgeworfen
Geplante hatte ich eigentlich, ganz gemütlich die Tour in 7,5 bis 8 Stunden reine Fahrzeit über Landstraße von Berlin nach Ostwestfalen zu absolvieren. Meine weibliche Begleitung mit dem Pkw hat mich dann aber doch gebeten, zumindest am Anfang einen Teil Autobahn zu nutzen, um etwas Strecke zu machen.
Bin dann mit Bedenken in Berlin auf die BAB 115 aufgefahren. Bedenken, weil ich mir noch nicht klar war, wie schnell die Royal Enfield tatsächlich auf der Autobahn fährt. Darum war ich auch ganz froh, das es für alle eine Geschwindigkeitsbegrenzung auf diesem ersten Teilstück meiner Tour gab. Maximal 80 km/h waren erlaubt; hielt sich aber eh keiner dran. Also mal richtig Gas gegeben und mich überraschen lassen…
Praxistest Autobahn
Und die Überraschung war echt positiv!! Ruck zuck die Gänge hochschalten und schon war der 5. Gang erreicht. Mithalten im Geschwindigkeitsbereich von 80 bis 100 km/h total entspannt. Der Motor der 350er schnurrte und zwar besser, als ich erwartet hatte. Früher unterhielt ich nebenbei noch zwei 125ccm Bikes; da war jeder Ausflug über die Autobahn eine echte Katastrophe!
Mit der RE 350 classic gab es erst mal überhaupt keinen Stress. Das Moped tat das was es sollte, nämlich funktionieren. Nach ein paar Kilometern später kamen dann die 120er Schilder. Mal schauen, was jetzt passiert. Packt das neue 350er RE Motorrad das wohl?
Höchstgeschwindigkeit auf Autobahn
Was soll ich sagen; bis 120 km/h nach Tacho schnurrte das neue Motorrad brav vor sich hin. War auch überhaupt kein Problem, die Höchstgeschwindigkeit länger zu halten. Klar, der Gegenwind war nicht schön. Aber das Fahren ohne Scheibe war ich schon von viel größeren Bikes gewohnt. Jetzt hatte ich nur noch Bedenken, wie es mit den vor mir liegenden Höhenunterschieden ausschaut. Packt die Maschine das oder werde ich aufgrund der bescheidenen Motorleistung der Royal Enfield mit ihren 20 PS zur lahmen Ente zwischen den Lkws?
Royal Enfield classic 350 und die Steigungen
Im Bereich der Tank- und Raststätte Michendorf-Nord auf der A10 Richtung Magdeburg kam es dann zur ersten Bewährungsprobe. Und was soll ich sagen; die 350er hat das mit Bravur bestanden. Alles bei etwas Gegenwind und keinem Fahrzeug vor mir. Also nix mit Windschattenbonus oder so. Aber diese erste Anhöhe war auch noch nicht das Sorgenkind. Zwei Steigungen lagen noch vor mir; die eine auf der A2 vor Helmstedt und die andere im Bereich Auetal & Bad Eilsen. Dort bin ich früher mit der 125ccm immer direkt abgefahren, weil mehr wie 75 km/h nicht drin waren; keine Chance. War gefährlich für alle.
Auch dieses Mal bin ich von meinem neuen Motorrad aus Indien nicht enttäuscht worden. Zwar musste ich einmal in den 4. Gang zurückschalten, das hing aber mit dem üblen Fahrverhalten eines Lkws vor mir zusammen. Kurz Blinken, einfach ausgeschert und in Zeitlupe am Lkw-Kollegen vorbei. Typisches Elefantenrennen ohne Gewinner und Verlierer.
Verdiente Pausen
Auf der rund 450 km langen Autobahntour habe ich insgesamt zwei Pausen eingelegt und mir zwischendurch den Tank vollgemacht. Klar tat mir nach etwa 3 Stunden das erste Mal der Hintern weh; bin ja mit deutlich über 60 auch kein Jungspund mehr. Aber mir macht das nicht soviel aus; die Freude am Motorradfahren überwiegt hier.

Alternative Ausstattung der Royal Enfield 350 classic
In der vom Vorbesitzer letzten Ausstattung war der normale Sitz (der glatte), der Touringlenker und die Touringspiegel verbaut. Bin selbst 172cm groß und die Sitzposition ist für mich total entspannt. Auf der langen Rückfahrt war der Sitz besser, als ich erwartet habe. Ich hatte schon Motorräder, auf denen ich deutlich schlechter gesessen habe.
Die montierten Royal Enfield Touringspiegel wackeln auch nicht so wie die Originalspiegel. Ich finde, das ist vor allem bei Geschwindigkeiten über 80 km/h ein wichtiges Sicherheitsfeature. Klar kann man bei 100 km/h noch den Kopf nach hinten drehen. Aber dann fehlt der Blick nach vorne. Genau dafür sind ja schließlich die Spiegel an einem Motorrad da.

Die originalen Reifen sind vom Vorbesitzer gegen Bridgestone BT46 Reifen gewechselt worden. Den besten Eindruck hat die Erstbereifung offensichtlich nicht hinterlassen. Das Problem kenne ich schon von anderen Bikes auf Asien. Die Erstausrüstung entspricht oft nicht den Wünschen der Halter, vor allem bei nasser Fahrbahn. Als Felgen sind die Alufelgen montiert. Ich mag zwar durchaus Speichenräder, aber der Pflegeaufwand ist nicht ohne. Kenne ich noch von anderen Mopeds in den vielen Jahren davor.
Angebaut ist das Gepäcksystem C-Bow von Hepco & Becker. Gekauft habe ich die Royal Enfield inklusive der Koffer. Das ist so ein einfaches Softtaschensystem – Street – vom gleichen Hersteller. Kofferbefestigen aufschließen, Taschen abnehmen und fertig. Geht praktisch bei jedem Motorrad, an dem man dieses C-BOW System anbauen kann. Somit lassen sich die Koffer unter den verschiedenen Bikes tauschen.

Was ich am Anfang als recht unangenehm fand, ist die Position der Fußrasten speziell bei diesem Royal Enfield Modell. Fahre ja noch andere Motorräder und bin vielleicht etwas verwöhnt. Da liegen die Fußrasten nämlich eher etwas weiter hinten oder vorne, was beim Anhalten mit Bodenkontakt nicht zur Irritationen mit dem Bein bzw. Fuß kommt.
So hatte ich immer den Eindruck bei der Neuen, die Fußrasten sind mir beim Anhalten im Weg. Die blauen Flecken an der Wade und Knöchel unterstreichen das deutlich. Daran muss ich mich wirklich erst mal gewöhnen. Verbaut sind die optionalen breiten Fußrasten.

Vom Vorbesitzer verbaut wurde außerdem eine Schaltwippe anstatt dem Original-Schalthebel. Tolles Teil, was ich jedem nur empfehlen kann. Total easy in der Handhabung.
Royal Enfield: Höchstgeschwindigkeit auf der Autobahn
Ja, die Royal Enfield 350 classic zeigt bis zu 120 km/h auf dem Tacho an. Ob es wirklich echte 120 sind, glaube ich eher nicht, aber egal. Ab 120 gemäß Tacho regelt das Moped ab. Merkt man sofort! Da kann man am Gasdrehen wie man will, der Esel bockt und stottert. Anstatt die 120 Stundenkilometer zu halten, wird es sogar eher spürbar weniger.
Kurios:
Nimmt man minimal das Gas weg, zieht der Royal Enfield Motor – zumindest bei mir – wieder richtig an. Das habe ich mehrmals bei Steigungen und Überholvorgänge genutzt. Geht tatsächlich.
Wenn Royal Enfield sich dazu entschließen wurde, diese „Spaß-Bremse“ abzustellen oder erst bei 130 km/h einzusetzen, wären bestimmt ganz viele Käufer auf der Welt wirklich happy!
Die Geräuschentwicklung bei der Royal Enfield 350 classic bei Höchstgeschwindigkeit ist nicht zu unterschätzen. Ja, das dröhnt schon mächtig in den Ohren!
Ich persönlich stehe mit Mitte 60 kurz vor meinem 1. Hörgerät. Jahrelange Tätigkeit in der Metallindustrie in meiner Jugend sowie über 300.000 Motorradkilometer im Verlauf meines Lebens haben ihre Spuren hinterlassen. Gehörschutz war vor 50 Jahren noch ein Fremdwort in der Industrie, leider! Entsprechend schlecht höre ich heute.
Die monotone Geräuschkulisse nehme ich also anders war, als vielleicht so manch anderer Biker. Auch der Fahrtwind sorgt für mächtig Lärm; eine Windschutzscheibe habe ich nicht dran.
Mein Fazit nach der ersten Motorradtour
Mitschwimmen im normalen Autobahnverkehr ist kein Problem. Die vielen Baustellen auf deutschen Autobahnen sorgen ebenfalls fürs Mithalten. Überholen von Lkws, Wohnwagen und Sonntagsfahrern auch kein Problem. Steigungen im moderaten Bereich (typische Mittelgebirge) packt die 350er auch. Ich habe auf der ganzen Tour mit mehr als 400 Kilometern mit höherer Geschwindigkeit keine Probleme gehabt.
Natürlich hat der indische Eisenesel dann auch entsprechend Durst gehabt. Kummer – was den Benzinverbrauch betrifft – kenne ich schon von anderen Maschinen in der Garage. Die teuersten Ausfahrten sind die mit dem fast 17 Jahre alten 1800er-Chopper von Honda. Dieses Bike hatte aber mal so richtig Durst!! Das war das Tanken der Royal Enfield auf der Autobahn für mich so etwas wie den Aufsitz-Rasenmäher in der Firma volltanken; quasi lächerliche Beträge. Das gebe ich schon für Kaffee und Kuchen unterwegs aus.
Meine Meinung nach der ersten längeren Autobahntour:
Schönes Motorrad, schöner Sound, entspanntes Fahren bis um die 100 km/h macht richtig viel Laune, kann bestimmt auch längere Fahrten Richtung Norwegen, Frankreich oder Spanien absolvieren, hat wirklich Charme, ist ein echter „Hingucker“ und echt günstig im Unterhalt. Und man muss sich zwangsläufig aufgrund der geringen Leistung die Zeit zum Reisen nehmen. In meinem Alter nicht unbedingt die schlechteste Idee!
Um es für mich persönlich auf den Punkt zu bringen:
„Mehr Moped braucht kein Mensch! Ich jedenfalls nicht mehr.“
Sonstiges
Nachtrag 1:
Heute gab es den Steuerbescheid für die Kfz-Steuer der Royal Enfield Classic 350: Ganze 25 Euro 🙂
Nachtrag 2:
Ich erwische mich seit der Anschaffung jeden Tag dabei, mindestens 1 mal in der Garage oder am Bürofenster nachzusehen, ob das denn wirklich stimmt: Ja, ich habe sie mir echt gekauft 🙂
Weniger begeistert sind die anderen drei Mopeds in der Garage; die bleiben nämlich zunehmend im Stall. Von einer Honda werde ich mich wohl demnächst trennen.
