Urlaubscheck der RE 350 Classic

Hast du dich jemals gefragt, wie praxistauglich die Royal Enfield Classic mit Gepäck und auf Autobahnen im Mittelgebirge ist? Ich schon! Also schnappte ich mir meine Packtaschen von Hepco & Becker, belud sie mit 1,5-Liter-Wasserflaschen und brachte es so auf über 15 kg – verteilt auf zwei Motorradtaschen hinten. Dazu kam mein 25 Jahre alter Motorradrucksack mit weiteren etwas über 8 kg. Optional hätte ich noch meine Gepäckbrücke und den Tankrucksack füllen können, aber das ließ ich bleiben.

Mit einem Körpergewicht von knapp 67 kg fühle ich mich bei der Zuladung ganz entspannt – bin ein echtes Leichtgewicht! Zu Hause tankte ich bis zur vorgegebenen Grenze den Benzintank voll, schlüpfte in meine Winterbekleidung und rollte langsam vom Parkplatz. Morgens waren es noch frostige -2 Grad, Zwiebelbekleidung war also die richtige Wahl für die bevorstehende Tour.

Schon in der ersten Kurve vor der Hauptstraße bemerkte ich, dass sich das Fahrverhalten der 350er Royal Enfield Classic spürbar verändert hat. Später bei der Auffahrt auf die Autobahn musste ich die Geschwindigkeit in der Kurve leicht reduzieren – von 60 km/h auf 50 km/h. Ein kleiner, aber merklicher Unterschied durch das erhöhte Zuladungsgewicht.

Dann gab ich Gas und ließ den „Eisenesel“ aus Indien beschleunigen. Und was soll ich sagen? Kaum ein Unterschied zu vorher – trotz der fast 25 kg Zuladung! Das war die erste positive Überraschung.

Zu meiner geplanten Testtour:
Ich wollte herausfinden, wie sich das vollgepackte Motorrad auf Steigungen im Gebirge schlägt – besonders auf der Autobahn. In meiner Heimat bin ich meist im Teutoburger Wald und Weserbergland unterwegs. Die Steigungen dort kannte ich alle schon. Aber die A44 von Dortmund nach Kassel würde zeigen, wie flink oder lahm das 20 PS-Motorrad aus Indien wirklich ist. Hätte es nicht gepasst, hätte ich eines meiner anderen Bikes für den nächsten längeren Roadtrip genommen.

Also fuhr ich auf die A44 Richtung Kassel und gab wieder Vollgas. Vor mir erstreckte sich eine erste lange Steigung bis zum Horizont. Anfänglich hatte ich Bammel, aber die Classic tuckerte brav bis knapp 115 km/h nach Tacho. Ich wusste bereits von meiner letzten Motorradtour, dass der Tacho etwas schummelt (zeigt mehr an als sie tatsächlich fährt). Trotzdem überholte ich problemlos einige Lkw auf der ersten Steigung.

Die nächste Steigung hatte es schon mehr in sich! Ich sah schon von weitem, wie die vielen Schwerlaster sich mühsam die Anhöhe hochquälten! Aber auch hier waren fast 115 km/h drin. Der Überholvorgang klappte auch hier, da alles hinter mir frei war.

Ein weiterer „Chaotenberg“ im Bereich Zierenberg wartete auf mich. Genau hier hat damals immer schon der alte Ford Transit schlapp gemacht. Würde die Enfield das wieder schaffen? Ich wartete geduldig auf eine freie Bahn hinter mir und überholte. Kurz vor dem Gipfel war ich bei 100 km/h, aber immer noch im 5. Gang! Test also bestanden: Es hat alles überraschend gut geklappt. Habe ich so nicht mit gerechnet.

Auch klar: Der Blick nach hinten gehört immer dazu. Ansonsten ist das ein gefährliches Spiel mit dem Überholen auf der Autobahn mit nur 20 PS.

Kommen wir zur Höchstgeschwindigkeit:
Laut Hersteller erreicht mein Eisenesel 115 km/h. Bergab und im Windschatten knackte ich sogar die 120 km/h nach Tacho. Wenn der elektronische Begrenzer anspringt, wird sie automatisch 5 km/h langsamer. Doch nehme ich in dieser Situation minimal das Gas weg, springt sie sofort wieder auf 120 km/h – sogar noch bei moderaten Steigungen! Meine Enfield ist weder getunt noch modifiziert; sie ist praktisch frisch aus der Werkstatt mit knapp 4.000 km auf dem Tacho.

Zum Royal Enfield Benzinverbrauch:
Bei Vollgas auf der Autobahn mit vielen Steigungen schluckte das Motorrad fast genau 4 Liter. Ich legte bei dieser Tour knapp 300 km bei trockener Witterung zurück. Laut dem Hersteller Royal Enfield liegt der Verbrauch bei 2,6 Litern auf 100 Kilometer. Bei meiner gemischten Fahrweise (Stadt, Land und Autobahn) lag der Durchschnittsverbrauch fast immer bei gut 3 Litern. 4 Liter Sprit auf der BAB sind also schon recht sportlich.

Nach vier Stunden endete meine Tour bei bestem Wetter und kühlen Temperaturen mit einer wichtigen Erkenntnis für mich: Ja, die Royal Enfield ist voll reisetauglich und erfüllt in vollem Umfang meine Erwartungen! Ich war auch körperlich nicht so kaputt, wie bei einer Reisegeschwindigkeit jenseits der 160 km/h im Schnitt. Das langsame reisen hat also auch seine Vorteile!

Und das zur Vorsicht mitgenommene Gelkissen für den Po habe ich auch nicht auspacken müssen.

Fazit:
Die nächste große Tour wird definitiv mit der kleinen Royal Enfield mit 20 PS und 350ccm gemacht.